Knotenpunkte im Leben

Ein öffentlicher Fall

Depressionen

Depressionen

Beim Schreiben diese Textes bin ich das eine oder andere mal in eine depressive Stimmung gekommen: die Energie war weg, ich hatte keinen Antrieb, fast schon „ich schaff das nicht“, „ich sag das lieber ab“. Das kennen wir wohl alle, wenn wir eine anspruchsvolle oder neue Aufgabe zu erledigen haben. Das nenne ich eine „normale“ depressive Verstimmung. Wie bin ich da rausgekommen? Da ich ja schon ein paar Jahre auf der Welt bin, kenne ich diese Zustände. Ich hab dann erstmal Pause gemacht „schlaf mal drüber“; auch freundlich mit mir selbst geredet „das kennst du schon, das wird schon“. Dann hab ich mir das Material immer mal wieder aus anderen Blickwinkeln angeschaut und plötzlich kamen neue Ideen, die Antriebskraft war wieder da.

Das kennen sicher die meisten von Ihnen?

Sich mit Depressionen (oder depressiven Menschen) zu beschäftigen kann uns in unserer Stimmung auch anstecken. Manche sagen: „die Erzählung dieses Menschen, dieser Film, dieses Buch hat mich so runtergezogen“. Dann ist in uns genau diese Saite angeschlagen worden, die sich müde, verzagt und leer anfühlt. Das gibt es für jedem Menschen.

Ein öffentlicher Fall

Seit November 2009, dem Suizid des Torwartes Robert Enke, verliert die hannoversche Mannschaft ein Spiel nach dem anderen. Die Mannschaft findet „keinen Tritt“ mehr, der Trainer wird ausgewechselt, neue Spieler „gekauft“, um das schreckliche Verhängnis des drohenden Abstiegs in eine niedere Liga zu stoppen.

Kurz nach dem Tod von Robert Enke, der viele Menschen erschüttert hat, wurde in allen Medien, Zeitungen, Fernsehen, viel über Depressionen geschrieben und berichtet. Es war geradezu ein „Hype“, also eine fast hysterische Aufgeregtheit. Man sprach über den unmenschlichen Druck, unter dem Enke gestanden hat, er wurde von vorne bis hinten analysiert, die Situation der Fußballspieler wurde analysiert, Enke (oder wer auch immer) wurde betrauert, es wurde beschworen, einen anderen Umgang mit Menschen zu finden, die an der Krankheit Depression leiden.

Knapp zwei Wochen später „business as usual“ im hannoverschen Fußball. In der Zeitung werden die Spieler wieder benotet (be- und abgewertet), derselbe Druck wie zuvor scheint wieder da zu sein..... Was allerdings in diesem Geschäft, in dem es um sehr viel Geld geht, nicht verwundert. Und die Spieler sind weiterhin dem Druck ausgesetzt, Leistungen zu erbringen, sowohl von der Vereinsleitung (denn es geht um viel Geld), als auch von den Fans. Daneben frage ich mich, ob die „schlechten Leistungen“ der Spieler des hannoverschen Vereins nicht auch mit dem Verdrängen des Schocks, der Angst, des Erschreckens und der Trauer um den Suizid von Robert Enke zusammenhängen.( Zum Zeitpunkt dieses Schreibens wurde ein Sportpsychologe eingesetzt.)

Das Krankheits“bild“, die Erscheinungsform

Was fühlt ein Mensch, der Depressionen hat? Ich würde eher sagen – den die Depression hat?

Das Wort „Depression“ (aus dem Lateinischen) heißt übersetzt „niedergedrückt“, „niedergeschlagen“.

Dieser Mensch fühlt eben gerade NICHT. Es ist nicht zu verwechseln mit Trauer: in der Trauer drücken wir nämlich verschiedenste Gefühlszustände aus: Schock, Wut, Zorn, Verzweiflung, Traurigsein.

Ein Beispiel zur depressiven Gestimmtheit:

„Jeden Morgen dieser Kampf gegen den Wunsch, im Bett zu bleiben, um sich dem Tag nicht stellen zu müssen; und dieses Krampfgefühl im Brustkorb und den Beinmuskeln; die Arme, die sich am Kopfkissen festklammern, als wäre es ein eiserner Schild... Ich will...Ich will wieder lebendig werden, will wieder eine normale Verbindung zwischen meinen Bewegungen und meinen Gedanken herstellen, zwischen meinen Schritten und meinem Willen...Finanziell geht es mir gut; ich habe eine Menge Freunde, einige angesehene Bekannte. Warum löst sich all das – die Ferien, das Lesen – die Leute die ich gerne traf – in einer ewigen Leere auf? Warum schleppe ich mich, wenn ich auch nur einen Nachmittag zu Hause bin, von einem Sessel in den nächsten (manchmal – ich gestehe es – sogar ohne aufzustehen), um nur ja kein bisschen Energie zu vergeuden? Wer hat mir mein Ich geraubt?“ (der italienische Schauspieler Vittorio Gassmann)

Depressive Menschen erleben sich mutlos und verzagt; eine niedergeschlagene Stimmung scheint alle Gedanken, Pläne, Zukunftsaussichten einzutrüben. Der Wille ist blockiert, die Entscheidungsfähigkeit verlangsamt oder lahm gelegt. Der jeweils neue Tag türmt sich wie ein Berg von Forderungen vor ihnen auf: „alle wollen was von mir“, „die Arbeit schaut mich an“. Alles was diese Menschen unter großen Anstrengungen dann doch zuwege bringen, kommt ihnen minderwertig und unzureichend vor. Gefühle von Ohnmacht und Niedergeschlagenheit, auch starke Scham- und Minderwertigkeitsgefühle begleiten sie. Der Kontakt zu anderen Menschen wird eingeschränkt, zumal diese sich aufgrund ihrer Lebendigkeit und Tatkraft, ihrer Fähigkeit sich zu freuen und genießen zu können, heftige Gefühle von Neid, Ressentiment, Groll und sogar Hass auslösen können. Zerstörerische Untergangsphantasien, vor allem aber selbstzerstörerische und suizidale Impulse können hier den Anfang nehmen.

Depressionen äußern sich in verschiedenen Erscheinungsformen und sie treten in jedem Lebensalter auf. Es gibt bereits Depressionen im Säuglingsalter, im jungen und mittleren Erwachsenenalter sind depressive Episoden am häufigsten. Die sogenannte Altersdepression wird auf Abbauprozesse beim älteren Menschen zurückgeführt, man muss aber auch berücksichtigen, welche Erschütterungen unsere Konsum- und Wohlstandsgesellschaft dem Selbstwertgefühl der alten Menschen zufügt: der Wegzug der Kinder, der Verlust der Berufstätigkeit und das Nachrücken der Jüngeren, die wieder auftretenden Konflikte in der Zweierbeziehung.

Alle depressiven Störungen und Verstimmungen drücken sich natürlich auch auf körperlicher Ebene aus: z.B. flache Atrmung, Störungen im Magen-Darmtrakt, „Versteinerung“ übermäßige Spannungen im Körper, Schlafstörungen, Rückenschmerzen., etc..

Depressionen sind in den Beratungsstellen, der allgemeinmedizinischen und psychotherapeutischen Praxis die vielleicht am häufigsten zu beobachtende seelische Störung. Studien in verschiedensten Ländern haben gezeigt, dass im Verlaufe ihres Lebens ein hoher Prozentsatz (Studien gehen von 17 bis 30% aus) der Gesamtbevölkerung irgendwann einmal an einer depressiven Störung leiden. Frauen mindestens doppelt so häufig wie Männer, die ihre Depression nicht selten vor sich selbst leugnen, die aber auch von den Behandlern nicht immer richtig diagnostiziert wird.

Ursachen und Lebensverläufe

Es gibt verschiedenste lebensgeschichtliche Ursachen, die den Hintergrund für eine depressive Störung bilden können. Ich werde hier nur ein paar Beispiele geben.

Depressive Menschen leben in der Erwartung, dass die dringend benötigte Selbstbestätigung, die sie nicht ausreichend entwickeln könnten und die sie sich selbst nicht geben können, von außen kommen muss. Sie fühlen sich im Übermaß verpflichtet, vielen Herren dienen zu müssen und es dabei doch keinem Recht zu machen. Es gibt eine Aggressionsgehemmtheit und übermäßig bescheidene Zurückhaltung.

So können depressive Menschen auf ihre Mitmenschen sehr bezogen wirken.

Es ist dies aber das innere „Muss“ und als ihr Gegenüber spürt man oft auch Ohnmacht, Leere, und die Wut, die diese Menschen nicht auszudrücken wagen; man hat das Gefühl, ihnen immer etwas schuldig zu bleiben.

So ist also besonders der gestörte Selbstwert eine entscheidende Quelle für die Ausbildung einer Depression.

Zu diesem mangelnden Selbstwert gehören folgende Merkmale:

Suizidgedanken

Jetzt fragen Sie sicher auch nach den Selbsttötungstendenzen von depressiven Menschen. In vielen Fällen des Zustandes der Depressivität kann es auch immer zu Suizidgedanken kommen: „endlich Ruhe“, „Aufhören des quälenden Zustandes“, „Ich kann mich niemandem so zumuten“, „Ich bin (fühle mich) völlig vereinsamt und allein“.

Da im Zustand der Depression ja alle Gefühle unterdrückt werden müssen, gilt dies eben nicht nur für die Lebensfreude oder das Traurigsein, sondern auch für die Aggression.

„Aggression“: wieder aus dem Lateinischen, „das Hinzugehen“, „drauflosgehen“, ich würde es auch als „Sich auf das Leben zubewegen, oder es in die Hand zu nehmen“ übersetzen. Die Fähigkeit „nein“ zu sagen, zu dem, was nicht zu mir oder mir nicht passt. Und natürlich, wie bei allen Gefühlen oder Emotionen kann dies auch übersteigert sein.

Wenn ich depressiv bin, fehlt mir diese „gesunde“ Möglichkeit und im äußersten Fall richte ich die Zerstörungswut gegen mich selbst. Es kann Impulshandlungen geben oder „Bilanzselbstmorde“. Beiden geht aber eine mehr oder weniger lange Zeit des immer stärkeren Gefühls der persönlichen und seelischen Einengung voraus. Beide Formen der Zuspitzung der Gedanken hin zum Suizid sind sehr ernst zu nehmen.

Beim Umgang mit diesem Thema, wenn wir in unserem Arbeitsfeld oder privaten Umfeld damit konfrontiert werden, sollten wir uns über unsere Haltung zum Suizid und überhaupt zum Tod klar werden. Denn unsere Haltung wird sehr stark unseren Umgang mit den Menschen, die an Suizid denken oder darüber sprechen, bestimmen.

Wir müssen wissen, an wen wir uns im Notfall für eine Krisenbewältigung wenden können.

Umgang mit und Behandlung von Depressionen

Depressionen sind behandelbar.

Darüber wie sie zu behandeln sind, gibt es auch unter den Fachleuten keine allgemeingültige einheitliche Meinung. Das hat unter anderem auch mit den, wie oben ansatzweise aufgezeigt, unterschiedlichsten Verläufen und Ausprägungen und die Vielschichtigkeit der depressiven Störungen zu tun.

Es kann mit Psychotherapie und gleichzeitig Medikamenten behandelt werden. Mit Psychotherapie oder Medikamenten. Die Therapieforschung hat herausgefunden, dass ein methoden- und schulenübergreifendes Gesamtkonzept sich hier besonders bewährt (Z.B. ein Zusammenspiel von Verhaltenstherapie, zeitweise medikamentöser Behandlung und eine Therapie, in der die Beziehungen der depressiven Menschen im Mittelpunkt stehen).

In jedem Fall ist ein genaues Hinhören und mitfühlendes Verstehen des Verlaufes hin zum depressivem Zustand notwendig.

Einschub: die professionellen Helfer

Viele Menschen, die in Helferberufen sind (Ärzte, Berater, Therapeuten), haben eher eine „depressive“ Seelenstruktur oder einen „Helferkomplex“. Sie sind von ihrer Disposition (seelischen Ausgangslage) geneigt, sich um andere zu drehen. Die depressive Stimmung sollte jedoch nicht zu überwältigend sein, der Anspruch an sich selbst realistisch und nicht zu hoch und die Enttäuschungsaggression nicht zu hoch sein.

Dann ist das Einfühlungsvermögen und das tiefe Empfindenkönnen ein Segen. Es kommt auf das Maß an und darauf mit sich ehrlich zu sein: warum will ich denn helfen?

Ausblick

Wenn ein Mensch seelisch zu leiden beginnt, ist dies immer ein Zeichen dafür, dass er sich nicht mehr oder nicht im Gleichgewicht mit sich befindet.

„Krisen stellen aber grundsätzlich Chancen zur Wandlung dar. Krise heißt immer, dass das Bisherige nicht weitergeht. Zu diesem Bereich gehört auch – und das mag überraschen – die heilsame Resignation. Das klingt vielleicht provozierend, Aber es zeigt sich manchmal – gerade in der Lebensmitte,..., dass sich bestimmte Lebensentwürfe und bestimmte Zielvorstellungen, die man über sich selbst gemacht hat, nicht erfüllen werden. Das ist regelhaft der Fall bei Depressionen! So drückt die Depression als Botschaft aus, dass über bestimmte eingenommene (illusionäre) Erwartungen und Lebenseinstellungen kein sinnerfülltes Leben zu erlangen ist. Es ist dann eine Neuorientierung erforderlich. Resignation heißt dann nicht Selbstaufgabe, sondern heißt Aufgabe von bisherigen Zielsetzungen, die sich nicht umsetzen lassen. So stellt sich die Depression tatsächlich als Chance dar: Zum Loslassen von fixierten Wünschen und zur Umbesinnung. Auf diese Weise erfährt man den eigentlichen Sinn der Depression.“ (Kleespies, S. 263)

Zum Weiterlesen:

Fritz Riemann, Grundformen der Angst (Grundstrukturen und –einstellungen des Menschen)

Kurt und Gudrun Eberhard, Typologie und Therapie der depressiven Verstimmungen. Göttingen 1997. (Hinweise auf Figuren in der Literatur und Kunst)

Wolfgang Kleespies, Licht am Ende des Tunnels. Vom Sinn der Depression (mal zum Reinschauen, nicht abschrecken lassen durch das Fachliche, immer mal irgendwo aufschlagen)

Kathrin Asper, Verlassenheit und Selbstentfremdung (spezieller zur „leeren Depressivität aus unerfülltem Narzissmus“)

Verena Kast, der schöpferische Sprung. Vom therapeutischen Umgang mit Krisen (gute Allgemeinverständlichkeit zu Krisen und Krisenintervention)

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